Monday thoughts #3 | Trauerbewältigung

Manche von euch wissen vielleicht, dass ich vor gar nicht allzu langer Zeit meine Mutter verloren habe. Ich habe bisher nicht viel dazu gesagt, einfach, weil ich nicht gewusst hätte, was. Von manchen Seiten bekam ich (mehr oder weniger) gute Ratschläge, außerdem habe ich versucht, meinen Alltag wieder halbwegs auf die Reihe zu bekommen.

Meine Mutter war mir unendlich wichtig. Wir hatten eine sehr enge Beziehung, sind oft zusammen weggefahren, sie war meine erste und eine meiner wichtigsten Bezugspersonen. Ich weiß, dass nicht jeder Mensch eine solch enge Beziehung zu seiner Mutter hat und darum soll es heute auch gar nicht gehen. Sondern eher darum, wie ich derzeit mit der Trauer und dem Schmerz umgehe.

Ich habe es damit versucht, mich abzulenken. Und lasst euch gesagt sein, es hat nicht gut funktioniert. Meine Tochter hat mir sehr durch die erste Zeit geholfen, hat dafür gesorgt, dass ich zumindest einen geregelten Tagesablauf hatte. Wäre sie nicht, würde ich wahrscheinlich viele Tage einfach im Bett verbringen und mir die Decke über die Ohren ziehen. Das geht mit Baby natürlich nicht.
Auf der anderen Seite hat meine Tochter aber auch dafür gesorgt, dass ich kaum Zeit hatte, mich mit meinen Gefühlen auseinanderzusetzen. Das hat dazu geführt, dass in unregelmäßigen Abständen alles aus mir rausbrach, ich heulte und schrie, weil der Verlust mich geradezu körperlich schmerzte. Das ist in den letzten paar Wochen weniger geworden. Es passiert seltener, aber es passiert nach wie vor.

Eine Reha oder Kur kann ich derzeit nicht machen, da ich selbstständig bin. Allerdings war ich mit Mann und Kind vor kurzem im Urlaub (ich berichtete) und konnte dort echt abschalten und mich mit schönen Dingen ablenken. Das Problem: Alles, was passiert, alles, was meine Tochter lernt, möchte ich meiner Mama erzählen. An den Gedanken, das nie wieder tun zu können, muss ich mich erst gewöhnen. Aber eine Sache habe ich in den letzten drei Monaten gelernt:

Trauer braucht Zeit.

Natürlich bin ich noch nicht fertig damit, zu trauern. Ich fühle mich ziemlich oft immer noch scheiße. Manchmal wache ich morgens auf und bin schon beschissen gelaunt. Manchmal denke ich an Gespräche, die ich mit meiner Mutter kurz vor ihrem Tod hatte und weine. Und eine Sache musste ich in diesem Zusammenhang realisieren: Das ist normal. Es ist normal, zu weinen, es ist normal, in Gedankenspiralen festzuhängen. Und bisher habe ich es noch immer geschafft, mich aus diesen Gedankenspiralen selbst zu befreien. Gott sei Dank.
Wenn ihr auch in Trauer seid – und das Gefühl habt, nicht allein aus den Gedankenspiralen zu kommen – dann sucht euch durchaus professionelle Hilfe!

Wir haben meine Mutter beerdigt und ich war das erste Mal an dem Prozess beteiligt, war beim Bestatter und entschied Dinge mit. Mir hat das sehr geholfen, in der ersten Zeit nach dem Tod nicht die Kontrolle zu verlieren. Ich hatte Termine, musste mich um Dinge kümmern, das tat überraschend gut. Obwohl ich sagen muss, dass ich mich ihr auf dem Friedhof im Moment nicht viel näher fühle als hier in meiner Wohnung. Ich lese dort ihren Namen und finde es immer noch unwirklich, dass das passiert ist. Ich kann es immer noch nicht wirklich glauben. Und ich denke, dass es auch noch eine ganze Weile dauern wird, bis ich es glauben kann.

Manchmal, obwohl ich einen Mann habe, eine Familie und Freunde, fühle ich mich sehr einsam. Oftmals dann, wenn mir hier zu Hause alles über den Kopf wächst und ich das Gefühl habe, dass alle ihr Leben normal leben, aber mir eben etwas Elementares fehlt. Oder auch dann, wenn Freunde plötzlich oder geplant keine Zeit für etwas haben – dann kommt in mir das Gefühl hoch, dass sie keine Zeit mit mir verbringen wollen, weil ich im Moment eben nicht so lustig drauf bin wie sonst. Irrational, ich weiß. Aber ich glaube, auch das gehört dazu. Dass man an sich selbst zweifelt. Dass man sich einsam fühlt. In vielen Fällen kann niemand die verlorene Person ersetzen. Und mit diesem Loch im Leben muss man das erstmal selbst klarkommen. Das ist nicht einfach, aber es kann gelingen. Ich habe es in meinem Umfeld schon oft erlebt.

Wofür ich in dieser ganzen Situation sehr dankbar bin, ist, dass meine Tochter noch so jung ist. Sie stellt keine schmerzhaften Fragen nach dem Motto „Wo ist Oma?“ oder „Warum weinst du so viel?“, was mir im Moment sehr hilft. Außerdem wird es für sie später normal sein, nur eine Oma zu haben. Wir werden ihr erklären, dass meine Mama früher sehr krank war und dann weggehen musste und dass es besser so war, für meine Mama. Aber sie wird nicht mit diesem schmerzhaften Verlust leben müssen, mit dem wir anderen umzugehen lernen müssen.

Trauer dauert. Trauerbewältigung dauert. Und es ist ein Prozess, durch den ich, mit der Hilfe von Familie und Freunden, durch gehen muss, um mich am Ende wieder besser zu fühlen. Meine Mama wird nie ersetzt werden und sie wird immer fehlen. Aber irgendwann kann ich mit dem Verlust leben. Hoffe ich.

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Monday Thoughts #3 | 6 Monate

Vor sechs Monaten habe ich dich auf die Welt gebracht. Unter Schmerzen. Und glaub‘ mir, ich weiß noch genau, wie weh diese Geburt tat. Ich erinnere mich noch an die Wehen, an die Einleitung, an die vermaledeiten Rückenschmerzen, die einfach nicht aufhören wollten. Ich erinnere mich an die unzähligen CTGs und an die Momente, in denen dein Herzschlag unter den Wehen auf einmal schwächer wurde. Entgegen der landläufigen Meinung habe ich die Geburtsschmerzen nicht vergessen. Aber ich würde diese Schmerzen jederzeit wieder für dich in Kauf nehmen!
Nur an eines erinnere ich mich nicht: An den Moment, in dem du meinen Körper verlassen hast und die Nabelschnur durchtrennt wurde. Ich erinnere mich nicht an deinen ersten Schrei und auch nicht daran, wie du aussahst, direkt nach deiner Geburt. Denn ich war unter Vollnarkose. Die PDA schlug nicht so an, wie sie sollte, ich hatte so viel des Betäubungsmittels in mir und spürte trotzdem noch Schmerz – deshalb mussten die Ärzte mich narkotisieren, um dich endlich auf diese Welt zu holen. Leider konnte auch dein Papa nicht dabei sein. Aber dafür hatte er eine wertvolle erste Stunde mit dir, ehe ich aus dem OP kam.

Und heute? Heute bist du sechs Monate alt. Du trägst Größe 68, manchmal auch schon 74. Du wiegst gute sieben Kilogramm. Du bist meistens fröhlich und meckerst nur aus drei Gründen: Wenn du die Windel voll hast, wenn du hungrig bist oder wenn du dringend schlafen musst. Sonst bist du der familiäre Sonnenschein. Alle sind voller Liebe für dich. Nicht nur Papa und ich, sondern auch Omma und Oppa, Omma und Oppa Höntrop, dein Onkel und deine Tante, dein Patenonkel, und deine beiden Adoptivtanten. Und noch so viele Leute mehr! Du wirst quasi mit Liebe überschüttet.

Am Anfang hast du wahnsinnig viel gespuckt und wir hatten Angst, dass du nicht genug zu essen bekommst. Jetzt bist du regelrecht proper – du vertilgst rund 800 bis 1000 Milliliter Milch am Tag! Und nicht nur das. Du liebst Fruchtquetschen, lutscht mit großer Hingabe Gurkenschnitze, Apfelschnitze und Banane. Auch Spinat, Croissants, Brötchen und Milchbrötchen sind hoch im Kurs. Du isst noch nicht viel und auch nicht oft – aber wenn, dann mit vollem Elan. Und mit dem ganzen Körper. Manchmal finden wir danach Essensreste an Stellen… 😀

Du liebst alles, was raschelt und knistert – und beißt genüsslich darauf herum. Auch von Musik bist du ein großer Fan. Geräusche aller Art machen dir unheimlich viel Spaß. Schon eine ganze Weile kannst du dich drehen, vom Rücken auf den Bauch und zurück. Anfangs bist du zwar in immer nur eine Richtung durch das Wohnzimmer gekullert, inzwischen kannst du dich aber in beide Richtungen drehen und wenden. Und seit ein paar Wochen fängst du sogar an, zu robben! Bald ist wirklich nichts mehr vor dir sicher. Schon jetzt versuchst du alles, was sich in Reichweite befindet, anzugrabschen. Auch, wenn Papa und ich die spannendsten Spielsachen (Laptop-Ladekabel, Handy, …) regelmäßig in Sicherheit bringen.

Unseren ersten kurzen Urlaub (drei Tage Berlin) hast du mit Bravour gemeistert – und wir auch. Du hast zwar das Reisebett mit Verachtung gestraft und lieber zwischen Mama und Papa im Queensize-Bett geschlafen, aber dafür warst du tagsüber richtig gut drauf. Wir waren viel spazieren und haben gut gegessen. Und die Biene hat ja Gott sei Dank mich gestochen und nicht dich.

So wirklich krank warst du noch nie, obwohl ich dich seit nun rund vier Monaten nicht mehr stille. Die Impfungen steckst du bisher auch gut weg und der Doktor hat bei den Vorsorgeuntersuchungen nichts zu meckern.

In den letzten sechs Monaten haben wir eine gewisse Routine entwickelt, alle Tage haben ein Grundgerüst. Das tut dir und auch mir gut. Wir kuscheln viel, vor allem morgens und mittags – und im Abend wird mit Papa gekuschelt. Die restliche Zeit verbringst du mit Spielen und Schlafen. So ein schönes Leben hätte ich auch manchmal noch gern! 😉 Aber weil du so gut schläfst, kann ich seit einigen Monaten wieder arbeiten.

Ich bin so gespannt, wie die nächsten sechs Monate mit dir werden. Wann wirst du wohl deinen ersten Zahn bekommen? Wie lange dauert es noch, bis du dich selbstständig aufsetzt, krabbelst, gar läufst?? Und wie werden die nächsten Jahre aussehen? Auch, wenn ich jetzt schon das Gefühl habe, dass die Zeit mit dir viel zu schnell vergeht, freue ich mich auf alles, was da kommt. Was wird dein erstes Wort sein und wie lange müssen wir darauf noch warten?
Ich warte gespannt und werde, wenn wir die näcshten Meilensteine erreichen, diese Dinge hier verbloggen. Als Erinnerung für mich und vielleicht, weil es auch andere Leute interessiert, wie du, meine kleine Maus, dich so entwickelst.

In Liebe
Deine Mama

Monday thoughts #2 | Angekommen.

Ich muss ja mal zugeben, dass mir das Muttersein nicht „einfach so“ zugeflogen ist. Ich hatte nicht diesen Moment, direkt nach der Entbindung, in dem alles vergessen war, was vorher war und ich nur noch Augen für mein kleines Baby hatte.

Stopp!

Bevor ihr jetzt hektische Kommentare verfasst oder anfangt, zu hyperventilieren, lasst mich kurz erklären. Felicitas kam per Kaiserschnitt unter Vollnarkose zur Welt. Als ich im Kreißsaal wieder wach wurde, hatte mein Mann ein kleines, schreiendes Bündel auf dem Arm. Ich wusste sofort, dass das a) mein Baby und b) ein Mädchen ist. Die kleine Felicitas. Mit einem unfassbar lauten Organ (von wem sie das nur hat…?). Und ich war sofort so überwältigt von dieser Situation, dass ich anfing, wie ein Schlosshund zu weinen. Ich brauchte Minuten, um mich zu beruhigen.
Und dann? Brauchte ich ein Schmerzmittel. Mein Bauch tat mir nach der Tortur des Kaiserschnitts unfassbar weh, sogar beim Atmen. Also bat ich erst um etwas gegen die Schmerzen und dann darum, mein Kind auf die Brust zu bekommen. Weil ich wusste, dass ich mich nicht auf sie, auf die Situation konzentrieren könnte, wenn ich diese Schmerzen hätte. Also bekam ich Felicitas nach einem Schmerztropf auf die Brust. Und ich liebte diesen Augenblick, liebte jeden Moment.

Aber trotzdem brauchte ich Monate, um in meiner Mutterrolle endgültig anzukommen. Um voll und ganz zu realisieren, dass ich Mutter bin, dass ich eine Tochter habe und was das für mich und mein Leben bedeutet.
Die erste Zeit mit Felicitas fand ich sehr anstrengend. Das ständige Tragen und Schreien zerrt an den mütterlichen (und väterlichen) Nerven. Blähungen und Bauchweh tun ihr Übriges. Ich war oft ziemlich am Ende mit den Nerven. Doch inzwischen geht es mir viel besser. Das liegt zum Einen daran, dass Felicitas inzwischen, mit ihren vier Monaten, sehr viel ausgeglichener ist: Sie spuckt nicht mehr, sie hat kaum noch Bauchweh und pupst zwar wie ein Weltmeister — aber eben nicht schmerzhaft. Außerdem spielt sie auch gern mal alleine, z. B. unter ihrem Spielbogen, sodass ich ein bisschen arbeiten kann. Wir haben eine Tagesroutine entwickelt, in der wir beide sehr gut zurechtkommen. Sie geht inzwischen gern in ihre Trage und beobachtet die Welt gut behütet von meiner Brust aus. Und all diese Dinge haben dazu beigetragen, dass ich anfangen konnte, das Muttersein zu genießen. Ich kann gleichzeitig arbeiten, mit Felicitas spielen, sie umsorgen, mich mit Freunden treffen und den Haushalt führen und bekomme endlich mal einiges unter einen Hut!

Ich fühle mich endlich angekommen. Endlich wirklich als Mutter. Und das macht mich so froh! Was ich also jeder Frau mitgeben kann: Wenn du am Anfang nicht sofort das Gefühl hast, eine wunderbare Mama zu sein, ärgere dich nicht. Manchmal braucht man einfach ein bisschen, um in dieser Situation, in die wir kopfüber (wie in kaltes Wasser) hineingeworfen wurden, klarzukommen und uns zurechtzufinden. Es wird besser. Zumindest wurde es das bei mir. Und jetzt könnte es schöner nicht sein. ♥

Monday Thoughts #1 | Das Leben geht weiter

Ich möchte eine neue Reihe hier auf dem Blog ins Leben rufen. Die Monday Thoughts, Montagsgedanken. Ich verspreche nicht, dass hier jeden Montag etwas kommt, aber immer, wenn ich einen (oder mehrere) interessanten Gedanken habe, zu dem ich ein paar Worte sagen möchte, soll ein Post dazu kommen. Und heute geht’s los.

Das Leben geht weiter.

Dieser Gedanke erscheint zunächst relativ profan. Aber lasst ihn mich zunächst näher ausführen. Mir ist neulich aufgefallen, dass nicht nur das eigene Leben (selbstverständlich) weitergeht, sondern auch das aller anderen Menschen. Bahnbrechend, ich weiß. Aber sein wir mal ehrlich – uns selbst fällt das recht selten auf. Also, dass das eigene Leben immer weitergeht. Das liegt natürlich daran, dass wir selbst unser Leben ja mitkriegen. Das heißt, wir erleben die Veränderungen direkt, während sie passieren. Wir lernen Menschen kennen, schließen Freundschaften, verlieben uns, trennen uns, heiraten, bekommen Kinder, kaufen uns ein Haus oder einen Hund. Das alles entscheiden wir bewusst und erleben wir bewusst.

Was wir hingegen nicht live mitbekommen, ist das, was in den Leben anderer Leute passiert. Das könnten alte Freunde, Ex-Partner, ehemalige Arbeitskollegen oder Mitschüler und Mitschülerinnen sein. In jedem Fall hat man diese Menschen teilweise über Jahre nicht gesehen. Und wenn man sich dann wiedertrifft, ist man regelrecht überrascht, dass das Leben auch bei diesen Menschen weitergegangen ist. Was ja im Grunde verrückt ist – immerhin hat es das bei uns ja auch.
Das hat natürlich was mit unserem Empfinden und unserer Erinnerung zu tun und damit, dass wir uns immer so an Menschen erinnern, wie wir sie zuletzt gesehen haben. Soweit, so logisch. Und dann merken wir: Natürlich hat sich auch die Welt der anderen Person weitergedreht, natürlich geht auch ihr Leben weiter.

Doch wisst ihr, was mich am meisten zum Nachdenken gebracht hat? Dass die anderen Menschen genauso überrascht sind, dass unser Leben weitergeht! Ich habe neulich jemanden getroffen, den ich inzwischen etwa zehn Jahre nicht gesehen habe und war regelrecht überrascht, wie sehr diese Person sich gewundert hat, dass ich immer noch mit meinem Mann liiert und darüber hinaus auch noch Mutter bin.
Ich dachte in diesem Moment nur: „Warum ist das denn so überraschend?“ – Ja klar, ich habe all die Entscheidungen, die dazu geführt haben, ja auch live miterlebt. Ich habe die Entscheidungen sogar selbst getroffen! Die Person, die ich traf, jedoch, hat plötzlich mich als Mutter erlebt – eine Rolle, die ich bisher ja nicht innehatte. Und das ist natürlich überraschend.

Aber dahin musste ich erstmal kommen. Es hat mich zugegebenermaßen zwei Tage beschäftigt, bis mir klar war, dass mein Gegenüber aus seiner Perspektive in der gleichen Rolle ist wie ich. Dass die andere Person auch nur ihr eigenes Leben gelebt hat und nicht das meine. Dass sie genauso überrascht ist, dass sich bei mir Dinge verändert haben in den letzten zehn Jahren, wie ich über ihr Leben.

Es ist doch verrückt, wie klein unsere Welt manchmal ist und wie schwierig es ist, über den Tellerrand zu blicken. Oder?